Plädoyer für mehr Toleranz

By 4. Februar 2019 Trends No Comments
Eat what makes you happy

Ich erinnere mich an eine Zeit, als das Wort “Intoleranz” vor allem eines hervorgerufen hat: Abneigung. Intolerant zu sein war definitiv negativ und unerwünscht, intolerante Menschen galten als engstirnig, vorurteilsbehaftet, stur und beschränkt. In den letzten Jahren wurde Intoleranz allerdings immer weniger mit einer gewissen Geisteshaltung in Verbindung gebracht, sondern in unserem Sprachgebrauch viel mehr in eine ganz andere Richtung gerückt: Ernährung. Und plötzlich waren intolerante Leute nicht mehr engstirnig und verbohrt, sondern arm und bemitleidenswert, weil ihnen so viele Freuden des Lebens aufgrund des eigenen rebellierenden Körpers versagt bleiben.

Avocado-Toast und Buddha Bowls
Lebensmittelintoleranzen sind der latest shit, könnte man meinen. Everybody and their mum ist heutzutage wenigstens glutenintolerant. Was vermutlich als clevere Marketing-Strategie begann, hat sich mittlerweile zu einer regelrechten Epidemie ausgewachsen. Dabei meine ich nicht die Menschen, die tatsächlich aufgrund medizinischer Gegebenheiten gewisse Lebensmittel nicht vertragen. Diese Menschen gibt es natürlich und sie sind wirklich arm. Eine Bekannte von mir hat Zöliakie, ist also wirklich und wahrhaftig glutenintolerant, und ich kann euch sagen, das ist nicht lustig. Weswegen ich schon gar nicht verstehe, warum plötzlich gefühlt 80% der Bevölkerung meinen, ebenfalls glutenintolerant zu sein.

Irgendwo zwischen Avocado-Toast und Buddha Bowls sind Lebensmittelintoleranzen zum Trend mutiert. Ob es an Instagram liegt? Hashtag glutenfree usw.? Man weiß es nicht. Sicher ist nur: Leute, die 20 Jahre lang Buttersemmerl und Melange gefrühstückt haben, sind nicht von heute auf morgen gluten- und laktoseintolerant, nur weil es grad cool ist. Ich vermute eher, dass viele Menschen gerne eine medizinische Validierung für ihre merkwürdigen Essgewohnheiten hätten. Es hat einfach eine ganz andere Berechtigung zu sagen: “Ich DARF das nicht essen!” Im Vergleich zu: “Ich WILL das nicht essen.”

Ernährung als heiliger Gral
Noch verwirrender als die plötzlich epidemisch auftretenden medizinischen Ernährungsintoleranzen finde ich allerdings die nicht-medizinischen. Und es ist fast ein bisschen gruselig, wie erklärte Atheisten oder Agnostiker ihre Ernährung missionarisch als den heiligen Gral der heutigen Zeit durch die Welt tragen und sich nicht damit zufrieden geben, sich selbst auf eine gewisse Art und Weise zu ernähren (was mir ja grundsätzlich wurscht wäre), sondern teilweise militant versuchen, andere zu überzeugen. Auch ich bin mit Veganern in meinem Freundeskreis, äh, gesegnet. Meine vegane Freundin macht sich zum Beispiel abends einen ganzen Karfiol, den sie im Ofen mit Gewürzen überbäckt und dann aufisst. Einen GANZEN Karfiol. Der heißt jetzt “Cauliflower”, hat also ein ähnliches Re-Branding hinter sich wie Haferschleim (“Porridge”), und ist daher ultrahip. Trotzdem begeht meine Verdauung schon beim Gedanken daran Selbstmord. Aber mir ist es recht – sie soll machen, was sie will. Und essen, was sie will. Aber ich will das bitte auch!

Dass Essen und Ernährung in den letzten Jahren zu einer Art Ersatzreligion geworden sind, kann keiner leugnen, der einen Instagram-Account besitzt. Das eigene Essen wird zum “Lifestyle” hochstilisiert, schon in der Profil-Beschreibung deklariert man sich als “vegan”, “plant-based” oder “clean-eater”. Das macht mir als ordinärem Allesfresser, der sogar Laktose verträgt (damn!!) schon ein bisschen zu schaffen. Offenbar sind Ernährungsgewohnheiten mittlerweile zu einem identitätsstiftenden Merkmal geworden. Mein omnivores Ich könnte fast in eine Glaubenskrise schlittern. Vor allem wenn ich mir ansehe, wie mit religiösen Ausdrücken um sich geworfen wird: Da hat man wieder mal “gesündigt”, Aufrufe zum veganen Lifestyle werden von der blökenden Followerschaft mit “Amen!” kommentiert und wie viele Leute in der (christlichen, wohlgemerkt!) Fastenzeit plötzlich tatsächlich fasten, möchte ich gar nicht erst aufzählen… Vielleicht ist das Bedürfnis nach einer höheren Macht, deren Regeln man sich unterzuordnen hat, einfach doch stark in unserem Inneren verankert.

Entschlackung für die Geldbörse
Die gute Nachricht ist: Diese höhere Macht ist da. Sie sitzt in Werbeagenturen und Marketingabteilungen, sie vloggt auf YouTube und postet auf Instagram. Ich war kürzlich mit meiner bereits erwähnten veganen Freundin in Hamburg und zu Besuch in einem Quasi-Mekka der neuen göttlichen Macht: In einem Juice-Cleanse-Unternehmen! Dort kann man für viel Geld kaltgepresste Säfte bestellen und sich tagelang nur davon „ernähren“, dafür ist man nachher aber auch entschlackt und alle Giftstoffe sind aus dem Körper gespült, believe it – or not. Der CEO der Firma, ein junger Entrepreneur, war sehr fesch und sympathisch und von der Wirkung seiner Produkte offenbar überzeugt. Ich hab es nicht übers Herz gebracht, ihm zu sagen, dass ich sein gesamtes Unternehmen für Humbug halte. Die Saftln haben tatsächlich erstaunlich gut geschmeckt. Hab ich mich danach von sämtlichen widerwärtigen sich in meinem Körper angeblich befindenden Schlacken befreit gefühlt? Nein. Obwohl ich wirklich oft aufs Klo musste an dem Tag (too much information, I know).

Das alles ist natürlich Sudern auf hohem Niveau. Auch ich sollte an meiner Toleranz arbeiten, aber manchmal sehne mich schon nach simpleren Zeiten zurück. Als man die Wahl hatte zwischen Schoko- oder Vanillemilch, nicht Hafer-, Soja-, Reis- oder laktosefrei. Wenn ich in der Schule einem Mitschüler was vom Schulwart mitgenommen habe, dann lautete die Bestellung meist “eine Wurstsemmel” oder “ein Käsekornspitz”. Heute verlangt der Arbeitskollege in der Mittagspause eine Packung laktosefreien Topfen, ein Glas rote Rüben und einen Bachsaibling. Okay.

Aber irgendwie ist es ja schön, dass wir solche 1st world problems haben und jeder seinen inneren Freak füttern darf und kann, womit er oder sie will. Essen und essen lassen! End of rant.

Isabel

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