Menschen, die an Fenstern stehen

Fotocredits: Julius-Tandler-Platz, Wien, Mai 2019 (© Florian Hack)

In den vergangenen Wochen wurde ich unfreiwillig Zeuge eines bizarren Phänomens: Menschen, die an Fenstern stehen. Und zwar in schwindelerregender Höhe.

 

Wien hat mit seinen vielen Altbauten eine durchschnittliche Deckenhöhe von 3,30 Metern bis 4,50 Metern. Das bedeutet, dass jemand, der auf die Idee kommt, die Fenster seiner im vierten Stockwerk angesiedelten Wohnung auf der Fensterbank stehend zu putzen, dies in einer Höhe von 17 bis 23 Metern tut. Profifensterputzer, wie man sie von Wolkenkratzern kennt, bringen dafür eine spezielle Ausbildung und vor allem (!) ausreichend Seilschaft, Karabinerhaken und Helme mit. Die Personen allerdings, die ich beobachtet habe, konnten keines dieser Merkmale vorweisen. Vollkommen angstbefreit und dem Risiko trotzend gingen sie im Namen schlierenfreier Sauberkeit ans Limit.

 

Ich hoffe ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass es nicht sachdienlich ist, den persönlichen Adrenalinkick beim Fensterputzen zu suchen. Natürlich kann ich nachvollziehen, warum man sich mit einem Wingsuit aus einem Flugzeug stürzt oder als Basejumper von Hochhäusern springt. Da gehen Kick und Risiko eine sinnvolle Beziehung ein. Da sind Profis am Werk, denen meistens eh nicht mehr zu helfen ist. Aber was bewegt Menschen dazu ihr Leben aufs Spiel zu setzen, nur um einen freien Blick nach draußen zu genießen?

 

Im Folgenden empfehle ich drei Alternativen, die für klare Sicht sorgen und dabei wohltuend auf Leib und Leben wirken:

1. Raupenteleskopkräne: Sie lassen sich bis zu 22 Meter weit ausfahren und sind sogar für Privatpersonen mietbar. Ausgestattet mit einer Hebebühne, kann man es sich hier bequem machen und allfällige Arbeiten erledigen. Pro-Tipp: Bieten Sie Ihren Nachbarn einen Fensterputz-Service an und teilen Sie sich die Mietkosten.

2. Ausbildung zum Industriekletterer: In der fünftägigen Schulung erhält man Einblicke in die theoretischen Grundlagen, Physik, und das Arbeiten am Seil. Nach erfolgreicher schriftlicher Prüfung erhält man sogar ein Zertifikat. Positiver Nebeneffekt: Entfliehen Sie dem Alltag und seilen Sie sich im Spiderman-Kostüm von beliebigen Fassaden ab.

3. Teleskopfensterwischer: Wer es lieber ruhig und sparsam angeht ist mit einem Investment ab 30€ dabei. Teleskopfensterwischer lassen sich auf bis zu 1,90 Meter ausfahren. Zwei bewegliche Gelenke sorgen außerdem für die Anpassung an den optimalen Wischwinkel.

 

In diesem Sinne ein fröhliches und adrenalinsparsames Frühjahrsfensterputzen

– Florian

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