Dark Social – oder warum ich Schatten an den Wänden sah

By 8. Oktober 2018 Trends No Comments
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Mir ist in letzter Zeit etwas Seltsames passiert. Ich ertappte mich dabei, wie ich in einem schönen Moment nicht nur dachte, „was für ein schöner Moment“ sondern, „das wäre perfekt für eine Instagram Story“. Ich genoss nicht mehr den Augenblick, sondern überlegte gleichzeitig schon wie ich diesen für meine Selbstdarstellung in Social Media Kanälen nutzen kann.

Inwieweit sich Social Media – und der Exhibitionismus und Voyeurismus, der damit einher geht – in meine Gedanken eingebettet hatten, hat mich erschüttert. Laut dem aktuellen Millenial-Report von unseren lieben Kollegen der KTHEund Marketagent, ist den Millenials das Handy wichtiger als Sex, Freunde und sogar die Familie. Nur 16 % haben angegeben eine Woche auf ihr Handy verzichten zu können. Bei Sex und Freunden waren es hingehen 58 % und 26 %.[1]

Tatsache ist: Heutzutage ein hyper-connected Millenial zu sein bedeutet, in mehreren Realitäten zu existieren. Sowohl innerhalb als auch außerhalb der eigenen Erfahrungen präsent zu sein, sie zu leben und gleichzeitig zu beobachten; und ihre Teilbarkeit zu bewerten.

Wir alle sind kleine Herausgeber, die in unserem Alltag nach Möglichkeiten des Storytellings suchen, um täglich Inhalte zu produzieren, so dass wir fast davon überzeugt sind, dass unsere Instagram-Feeds eine authentischere Darstellung von uns selbst bieten als jene, die wir IRL (In Real Life) liefern. Wir haben die Grenzen zwischen öffentlich und privat planiert und eine dauerhafte Selbstüberwachung akzeptiert. Ganze 73 % der Befragten nutzen laut Millenial Report Social Media mehrfach täglich.[2]

Wie viele Likes bekommt mein Bild? Ist es schön, lustig, besonders genug? Sieht das zu bearbeitet aus? Oder zu echt?

Jeder Instagram-Post ist eine Fallstudie darüber, wie sehr die Leute uns „mögen“. Und während wir, die Generation Y, über unsere „persönlichen Brands“ – die sauberen, verkaufsfähigen Versionen von uns selbst, die digitalen Aushängeschilder, die unsere eigenen persönlichen USPs bewerben – scherzen, sind sie letztlich die Art und Weise, wie wir mit der Welt kommunizieren und zunehmend, wie wir unsere eigenen Identitäten für uns selbst verstehen.

Mein Berufsleben als Consultant in einer PR Agentur bringt mich unweigerlich dazu, mich tagtäglich mit Social Media Kanälen zu befassen. Events, Eigen-PR, Social Media Betreuung für Kunden. Zu meinen täglichen Aufgaben gehört auch das Management einer erfolgreichen Instagram-Seite, so dass ich verstehe, wie das Ganze funktioniert.

#nomadcareers

„Ich bin Influencer“. Eine Berufsbezeichnung, die mittlerweile so selbstverständlich gesagt wird, wie Bürokauffrau. Unsere aktuelle Kultur definiert Erfolg mehr und mehr durch Likes, Followerzahlen und Engagementrates als durch Haus, Hof und Garten. Laut Millenial Report träumen wir zwar von einer Karriere, der Weg dahin entspricht aber nicht dem klassischen Weg den vielleicht noch unsere Eltern hatten. Wir suchen weniger nach Sicherheit dafür mehr nach Abwechslung und Flexibilität. [3]

Ich weiß, dass die Pflege einer Community von hoch engagierten Fans ein guter Karriereschritt sein kann, sei es im Hinblick auf den Aufbau einer größeren Kundenbasis oder den Beginn eines langfristigen Plans, um Influencer werden zu können, wenn ich genug Follower habe, um mehrere hunderte Euro pro Beitrag zu bekommen. Aber der Druck, den Eindruck aufrechtzuerhalten, der durch den Vergleich mit den kultivierten Personas und der konsistenten Ästhetik entsteht, die ich jedes Mal sehe, wenn ich mein Handy entsperre – vor allem von Leuten aus der Branche, wo wir alle wissen, dass der Schein zählt -, ist kräftezehrend.

Dies ist kein Angriff auf diejenigen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, ein Influencer zu sein, eine hauptberufliche, hoch profitable Karriere. Ich sage auch nicht, dass wir alle Klapptelefone bekommen oder in der Wildnis leben sollten. Aber für meine ebenfalls gestressten, selbstkritischen Mit-Millenials, die ängstlich durch das Meer überwältigender Illusionen scrollen, das wir erschaffen haben. . . let’s change something!

Platons Höhle

Ich will damit nicht sagen, das meine Generation nur oberflächliche Egomanen sind, die mehr Wert auf ihre Follower-Anzahl als auf ihr tatsächliches Leben legen. Durch die zunehmende Hyperconnectivity und Globalisierung sind wir mehr dazu angehalten uns mit anderen Menschen, Perspektiven und Kulturen zu beschäftigen, was ich als sehr positiv empfinde. Wer will, kann sich relativ leicht mit anderen austauschen und neue Perspektiven kennenlernen.

Doch wenn Social Media mehr eine Quelle von Stress in unserem Leben ist als von Gemeinschaft, Bildung, Unterhaltung oder etwas anderem Positivem, ist es an der Zeit, die fast totalitäre Macht über unsere Identitäten und Emotionen zu überdenken, die wir ihr bereitwillig überlassen haben.

Nachdem ich mich bereitwillig in Platons Höhle gefesselt habe und Instagram Stories ähnlich den „Schatten an der Wand“ gesehen habe, muss ich meinen Weg aus dem Strudel finden um wieder zu einer gesunden Balance zurückzufinden. So sehr mir mein Job auch Spaß macht, zumindest privat habe ich mir vorgenommen das Handy mal öfter liegen zu lassen.

Debi

 

Tipps dazu findet ihr im Beitrag: Smart ohne Phone

[1]Austrian Millenial Report 2018, S.38

[2]Austrian Millenial Report 2018, S.48

[3]Austrian Millenial Report 2018, S. 26-33

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